3.10.2014 Wanfried - Creuzburg



Frau Weller hat mich noch aus Wanfried heraus begleitet. Es ist mild und ich gehe Richtung Thüringen auf die ehemalige innerdeutsche Grenze zu. Aus dem Nebel heraus wird der Turm auf dem Heldra-Stein sichtbar. Ich bin dort verabredet. Heute sind mehr Leute wandernd oder mit dem Rad unterwegs als sonst. Oben gibt es Erbsensuppe mit Würstchen, Kaffee und Kuchen. Herr Weller freut sich, dass ich gekommen bin. Eine herrliche Aussicht hat man über das Werratal vom Turm aus. Stasi Abhörstation zu DDR Zeiten. Christa und Hans-Joachim lebten 30 Jahre lang in Marburg und wohnen jetzt wieder in Wanfried. Am Sonntag, den 12.11.89 rief die Tante aus Wanfried morgens um 8 an. Die Grenze ist auf. Von Thüringen kamen die Leute mit der Blaskapelle, mit Kind und Kegel gelaufen. Man kam kaum durch die Menschenmassen. Die Werra wurde als Grenzfluss Wisky-Wodka Linie bezeichnet. Die Bahn pendelte immer zwischen Ost und West, zwischen Göttingen und Eschwege. Wurde wohl mehrfach geplündert. 3 Orte Ost gegen 3 Orte West, um die Grenze zu begradigen. Wenn man vom Westen aus Versehen übertrat, wurde man bestraft. Eine Nacht eingesperrt oder Strafarbeit. Großburschla sollte ausgeblutet werden. Der Ort lag komplett im Grenzgebiet der DDR und hatte nur einen Zugang. Die Schmidts erinnern sich an einen alten Mann, der von Faulungen in Thüringen nach Mecklenburg bei Nacht und Nebel zwangsausgesiedelt wurde, weil er nicht linientreu war. Zurück in der alten Heimat weinte er. 

"Für mich ist der Krieg erst jetzt vorbei." 

Herr Weller und seine Leute vom Wanderverein organisieren für mich eine Mitfahrgelegenheit im Pferdewagen nach Ifta. Von da aus ist es nicht mehr weit nach Creuzburg. Dort ist ein kleines Hotel am Markt. 4 Frauen, 3 Männer und 2 Kinder im Wagen. Befreundet schon ganz lange. Spontaner Ausflug. Getränke werden herumgereicht. Ich werde direkt mit einbezogen. Sie leben in der ehemaligen 5 km Sperrzone. Jeden Tag wurde damals der Ausweis kontrolliert. Den durfte man nicht vergessen. In der Schule konnte man sich manchmal für Zuspätkommen entschuldigen, wenn der Ausweis nachgeholt wurde. Besuche mussten mindestens 4 Wochen vorher beantragt werden. Freunde in Creuzburg hatte man nicht. Spontanität ging nicht. 50 Mark mehr Lohn gabs im Sperrgebiet. Damals war das viel. 

Man hat sich arrangiert. Ist da aufgewachsen. Wenn eine Geburtstagsfeier war, hörte immer jemand mit zu draußen unter dem Fenster. Wir halten unterwegs an einem Feuerwehrhaus in Volteroda. Kleine Geburtstagsparty. Auf einem Hof im nächsten Ort wird Rotkäppchen Sekt ausgeschenkt. Die Frauen sind ausgebildete Krippenerzieherinnen, auch in Weimar. Die Westausbildung haben sie dann nach der Wiedervereinigung in Eisenach gemacht. Ich war in Wiesbaden. Heute wird der Beruf wieder anerkannt. Auf dem Pferdehof in Ifta sitzen wir noch beisammen. Trinken und essen. Essen und trinken. Wird schon dunkel. Katy und ihr holländischer Mann Leo bieten mir Unterkunft in ihrem neuen Haus. Damals lag ein Zettel auf dem Tisch, als Katy aus der Schule kam. "Wir sind im Westen." haben die Eltern geschrieben. Sie hatte Angst, dass sie nicht wiederkommen. Von der Grenzöffnung hatte an dem Tag in der Schule niemand gesprochen. 

2.10.2014 Eschwege - Wanfried




1.10.2014 Waldkappel - Eschwege


Ein Teil der Verwandtschaft lebt in Lengenfeld unterm Stein im Eichsfeld. Kleiner Grenzverkehr mit Picknick auf der Wiese damals. Immer die Kontrollen an der Grenze in Duderstadt. Herr Liese und seine Familie lebten derzeit in Nürnberg aus beruflichen Gründen in der Zweitwohnung. Das Haus stand in Eschwege. In Nürnberg erlebten sie auch die berühmte Schabowski Rede im Fernsehen am Abend des 9. November 89. Unglaublich. Am nächsten Tag fuhren sie nach Eschwege und erkannten ihren Ort kaum wieder. Menschen, Trabis, Wartburgs, Schwalben... Ein Mann im blauen Schlosseranzug. Er hatte alles stehen und liegengelassen im Osten. Eine schwangere Frau mit ihrem Mann und zwei Freunden. Sie wollten im Auto schlafen, um am nächsten Tag das Begrüßungsgeld abholen zu können. Die Lieses gaben ihnen Unterkunft. Freundschaft ist geblieben. 

Eine Durchsage im Radio am 12.11.89, dass in Wanfried die provisorische Grenze eröffnet wird. Mit der Planierraupe wurde der alte Weg frei gemacht. Der Onkel kam von drüben entgegen. Sie fotografierten sich gegenseitig im Entgegenkommen. Auf der Straße waren Schulbänke aufgebaut, damit die Vopos die Personalausweise stempeln konnten. Nach und nach wurden die Grenzübergänge geöffnet. Feierliche Veranstaltungen mit Blaskapelle, Rostwürsten und Bier. Nach der Wiedervereinigung der Rostwurststreit. 

Nah an der Grenze aufgewachsen, war Herr Liese neugierig auf die Ostdeutschen. Mit 20 in Prag im 
U PINKASU auch Leute getroffen. Biermann und Krug sind rüber gegangen. Brieffreundschaften in Glauchau. Diskussionen über die Ost- Westsituation eher verdeckt. Die Verwandten hatten nicht geglaubt, dass sie hinter einem Zaun leben, bis sie es selbst gesehen haben, vom Westen aus. Sie hatten Angst, dass sie von den Soldaten auf den Wachtürmen entdeckt werden und nicht mehr zurück in die Heimat können. Ab und zu stieg der Russe mit dem Hubschrauber über den Meinhard See bei Eschwege auf und schaute sich die Badenden an.


Barbara wurde 1949 in Dresden geboren. Die Eltern gingen mit ihr über Berlin nach Baden-Württemberg ins Flüchtlingslager. Sie war knapp 3 Jahre alt. Zweimal wurde sie von den Omas wieder zurückgeholt. Die Räume in dem Flüchtlingslager der Maschinenhalle im Porschewerk waren durchlässig, nach oben offen. Zellen aus Pappe. Dann endlich eine Wohnung in Stuttgart Bad Cannstatt. Schuleintritt. Umzüge. Berlin, Neuffen, Hannover ... 

Allein unterwegs. Die gelebte Vertrautheit in der Großfamilie im Osten wurde vermisst. Die kleinen Alltagshandlungen in der tradierten Lebenswelt. Gerüche, Gegenstände... der Waschkrug mit der Knopfsammlung, die vertrauten Handlungen. Geborgenheit. Es im Westen zu etwas gebracht zu haben, machte den Eltern Druck. Mehr Schein als Sein. In der Brotfabrik mit 14 kleines Taschengeld verdient. Die 60 M der Mutter gegeben, damit sie im modischen Kostüm als "Frau von Welt" mit ihr in den Osten fahren konnte, um die Familie zu besuchen. Scheinwelt vorgespielt. 

Der Onkel war Vopo in Berlin. Durfte keinen Kontakt haben. Kontakt nur über Briefe ohne gelebte Beziehungen. Umzug nach Westberlin. Der Vater hat Rechenmaschinen vertrieben. Zitterprämie. Willi Brandt war Bürgermeister. Kennedy ein Berliner. Geschichte gleichzeitig hautnah. Immer beklemmende Gefühle, wenn die S-Bahn den Schlenker durch den Osten machte. Die militärische Atmosphäre in der grauen Welt machte Angst. 64 Waldbühne. Die Rolling Stones in Berlin. "Timelive. Der wilde Westen wie er wirklich war." Das Buch wollte Barbara dem Cousin in Radebeul mitbringen als Geschenk. Als Reiselektüre der Kontrolle im Zug konform standgehalten. Vertrauen gegen Vertrauen. Später kam das Buch eben mit der Post an. 

Postkarte in Geheimsprache: Bin gut angekommen = wurde kontrolliert. Bin sehr gut angekommen = wurde nicht kontrolliert.
 

30.9.2014 Hessisch Lichtenau - Waldkappel




Nach Waldkappel laufe ich parallel zur Autobahn auf dem Herkules - Wartburg Radweg im Tal. Die Landschaft wird bergiger. Zur linken Seite der hohe Meisner. Die Erde ist rot. Ab Mittag ist es wieder frühlingshaft warm. Die Autobahn gehört zum Projekt der deutschen Einheit. Ein paar Radfahrer sind unterwegs. Baufahrzeuge und Traktoren. Eine Mühle am Ortseingang von Bischhausen und Fachwerkhäuser mit Vorgärten fallen auf. Ein Haus wird gerade frisch gestrichen. Der Ort ist denkmalgeschützt. Frau Hose ruft mich an, als ich gerade um die Ecke biege. Bin gleich da. Wir sitzen in der Küche auf der Eckbank. Ganz gemütlich. Ich bekomme Schnitzel. Der Ortsvorsteher hat die Dorfchronik für mich zurückgelegt. Die Geschichte und Kultur des Dorfes wird hier sehr gepflegt und gehört unmittelbar zur Identität und Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Goethe war auch hier und hat eine Zeichnung hinterlassen. Mit Herrn Buhr tausche ich Geschichten aus, während seine Frau in der Gymnastikstunde ist.

Auf dem Rückweg vom Besuch bei der Verwandtschaft in Nordhausen vom 19. zum 20.9.89 lagen Nagelmatten auf der Straße. Man ahnte schon etwas von bevorstehenden Veränderungen. Trotzdem überraschend. Nach der Wende kamen die Trabikolonnen durch die Straßen. Immer Stau. Die bisherigen wirtschaftlichen Förderungen in den Zonenrandgebieten wechselten ihren Standort und die Firmen auch. Wegen der unterschiedlichen Tarife wurden niedriger bezahlte Arbeitnehmer aus dem Osten eingestellt. Nach der Wende fuhr man nun zum Einkaufen nach Mühlhausen. Vor den Gastwirtschaften warteten die Leute auf Sitzplätze. Fünf raus, fünf rein. Die Verwandten in Ellrich konnten besucht werden. Kleine Schreinerei im Wohnzimmer. Die Vorstellungen verknüpften sich mit der Realität.

29.9.2014 Kassel - Hessisch Lichtenau




Zweimal ist meine Mutter mit mir geflohen. Das erste mal, als ich dreieinhalb Jahre alt war, aus Waldenburg in Schlesien mit dem vorletzten Zug nach Stadtroda in Thüringen. Und später dann nach Apolda. Die Großeltern, früher arme Bergleute, wurden aus dem Häuschen in der Bismarckstraße 11 in Bad Salzbrunn vertrieben. Im letzten Jahr durfte ich das Haus sehen. Es war das einzige renovierte Haus in der Straße. Weißgestrichen mit Garten. Der Besitzer bat uns herein. Die alte Holztreppe war mir noch stark in Erinnerung. Wegen dem Umbau war die Schiebetür mit Glas nicht mehr. In Apolda lebten wir in einer Villa in der Nähe vom Bahnhof in der Böhmestraße 22 mit mehreren Vertriebenen zusammen. In Stadtroda mußten sich die Frauen vor den Vergewaltigungen der Russen in acht nehmen. Meine Mutter konnte sich auf polnisch mit Piotr verständigen. Er gab ihr Arbeit und verschonte sie. Sie nähte Taschen auf die Russenhemden und bekam Lebensmittel dafür. Zu Hause wurde eher schlesisch gekocht. Schlesich Himmelreich, Backobst mit Räucherfleisch zu Heiligabend schmeckte mir nicht. Meine Großmutter väterlicherseits kochte auch thüringer Klöße. 

Die Mutter hatte auch noch in Berlin Musik studiert. Sie wurde von Prof. Moser in Kattowitz entdeckt und nach Berlin geholt. Das kam ihr dann zugute. Der Vater war im Krieg in Stalingrad geblieben. Vermißt. Er war Geiger. Als Musiklehrerin arbeitete die Mutter in der Oberschule in Apolda und wurde dann in die Grundschule versetzt, weil sie nicht linientreu hinter der DDR Politik stand. Ich war bei all ihren Aktivitäten dabei. Ferienspiele unter dem Baum in der Promenade. Durfte nicht Pionierin werden und wollte gern, weil man dann in die AG Radiotechnik oder Volkstanz gehen durfte. Meine Freundin Katrin war Freundschaftsratsvorsitzende und hatte drei Balken am Hemd. Sie durfte auch zu Pioniertreffen in die Wuhlheide fahren und ihr Halstuch gegen ein rotes der sowjetischen Freunde tauschen. Ich wurde auch ausgegrenzt. War immer scharf auf Abzeichen, auch solche, die man als Souvenir im Urlaub kaufen konnte. Als wir das Bild von Stalin an der Wand umdrehten, als er 1953 starb, bekamen wir Ärger. 

Ungefähr in dieser Zeit war in Apolda eine Unwetterkatastrophe. Eine Flutwelle kam den Faulborn herunter und riss ein ganzes Haus mit. Klaviere schwammen im Wasser. Mit dem Onkel aus Leipzig konnte ich immer bäuchlings auf der Cauch liegend Rätsel in den Trollheften lösen. Die Mutter hielt mich an, gut zu lernen in der Schule. Ich bekam Klavierunterricht und ging ins Schwimmbad mit meinen Freundinnen. Am 2. August 1954 bin ich mit meiner Mutter nachts mit 2 Koffern nach Bad Nenndorf bei Hannover geflohen. Die Scheinheiligkeit ihrer parteitreuen Kollegen hielt sie nicht mehr aus, obwohl sie ja zurück an die Oberschule versetzt wurde nach dem 17. Juni 1953. 

Mit Hilfe ihres Professors aus Berlin bekam sie im Westen eine Stelle als Lehrerin. Drei Wochen davor konnte ich mich noch durchsetzen und mit 13 Jahren Pionierin werden und bekam das blaue Halstuch. Nach meinem Studium der evangelischen Religion und Latein auf Lehramt in Marburg, Heidelberg, Berlin und Göttingen bekam ich eine Anstellung als Lehrerin in Hessisch Lichtenau. Heirat. Drei Kinder wurden geboren. Wir bauten ein Haus. Die obere Etage für die Mutter, die untere für unsere Familie. Die Mutter war stets dabei. Ich war ihr immer sehr dankbar. Vom Vater kann mir nur noch Tante Anneliese in Stadtroda erzählen. Ich kannte ihn kaum. Auf einem Foto hält er mich mit einem dreiviertel Jahr auf dem Arm. Ich habe einen Vater immer vermißt. Von der Familie bleibt noch Udo, ein Cousin mütterlicherseits. Er ist 1989 über die Warschauer Botschaft in den Westen geflohen und lebt in Schüttdorf in Norddeutschland. Wenn ich in Thüringen bin, fühle ich Heimat.

28.9.2014 Kassel




Mai 1973, zwei Jahre alter BMW 2002, rot, mit 19000 km. Vom ersten selbstverdienten Geld und von der Gage als Gitarrist für Konzerte mit der "The river sunny man" Band. Meinolf mit Vollbart und langen Haaren, die er öfter waschen mußte. Das Outfit nicht ganz so alternativ, wie das seiner Sozifreunde, die in Hamburg, Bonn und Berlin studierten. "Ich bin dafür, dass ich dagegen bin..." im privaten Bereich etwas verrückt. Katholischer Sozi in Warburg revolutionär und anti. Das SBZ, ein Lexikon über die Sowjetische Besatzungszone vom Lehrer geschenkt bekommen. Die Definition von Sozialismus rot unterstrichen. Hessen war in Alarmbereitschaft wegen den Baader Meinhof Terroristen, die auch Unterstützung in der DDR bekamen. Auffällige Personen mit Alfa Romeo und BMW wurden kontrolliert. Auf Grund seiner optischen Erscheinung war Meinolf auffällig. Mehrere Uniformierte mit Maschinengewehr stellten ihm mit dem VW Bus nach. Radikalismus und Helfersyndrom. Oder Ablenkungsmanöver, dass die Anderen ihre Ideologie gegen Kapitalismus verfolgen konnten. 74 wurden die Haare aus beruflichen Gründen auf Normallänge gebracht und der Vollbart abgeschnitten.

Der kleine Grenzverkehr war vor der Wende uninteressant. Brigitte war mal da und war entsetzt über den maroden Zustand des Landes. Die Leute im Osten waren sehr bemüht als Gastgeber. Im Pelzmantel beim Osterfeuer fühlte sie sich overdressed. Erster gemeinsamer Besuch nach der Wende in Oberhof und Meiningen. Kohlesmog. Sächsische Schweiz Lilienstein 1994 zwei Wochen wandern. Ganz wunderbar. Den DDR Grenzstein, ein kleines Relikt der 40 Jahre Teilung an der tschechischen Grenze wollte man gern als Andenken mitnehmen.